Arbeitskreis Konfrontationen

Die Geschichte von Ravensbrück

Eingangssituation zum ehemaligen Häftlingslager Ravensbrück.
©Eran Yardeni 2006

Die Geschichte von Ravensbrück lässt sich heute, über 60 Jahre nach der Befreiung des größten nationalsozialistischen Frauenkonzentrationslagers nur bruchstückhaft rekonstruieren und erzählen. Einer der Gründe dafür ist der Mangel an historischen Quellen, da die Akten der Lagerverwaltung großteils kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 von der SS verbrannt wurden. Hinzu kommt aber auch, dass zur Zeit der DDR die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Konzentrationslagern weniger vom Interesse an zeitgeschichtlicher Forschung, denn vielmehr von der Zurichtung der Geschichte zum Zwecke der Legitimierung ideologischer Positionen geprägt war. Als Beispiel sei hier ein Tagungsprotokoll der Zentralen Arbeitsgemeinschaft Ravensbrück vom 13.09.1948 zitiert, in dem es heißt: „Wir müssen bestrebt sein in unserer Organisation auf die größte Sauberkeit und Reinhaltung Wert zu legen, und wir müssen gegen alle Elemente, die [...] nicht würdig sind, als wirkliche antifaschistische Widerstandskämpferinnen angesprochen zu werden, rücksichtslos vorgehen und sie aus unseren Reihen entfernen.“ 1 Dieser massive Eingriff zugunsten der Mythologisierung und Überhöhung des antifaschistischen Kampfes in den Konzentrationslagern, der in der DDR lange zentrales geschichtspolitisches Motiv war, führte in Ravensbrück unter anderem dazu, dass viele Überlebende - vor allem ehemalige Häftlinge, die als 'Asoziale' oder 'Kriminelle' stigmatisiert waren - ihre Geschichten nicht öffentlich erzählten, diese selten dokumentiert wurden und damit auch kaum erhalten sind. In Westdeutschland blieb die Auseinandersetzung mit Ravensbrück in erster Linie den Opferverbänden überlassen, in denen es - ähnlich wie in der DDR - Auseinandersetzungen darum gab, wessen Geschichten und damit welche Geschichte von Ravensbrück erzählt werden soll. Auch hier standen die im Lager als 'kriminell' und 'asozial' kategorisierten Häftlinge lange Zeit am Rande. Ihre Berichte sind nicht im selben Umfang erhalten, wie die ehemals 'politischer' Häftlinge, die sowohl in der DDR als auch in der BRD die Erinnerung an Ravensbrück dominierten.

Vorgeschichte

Die Geschichte der Frauenkonzentrationslager beginnt nicht in Ravensbrück. Schon ab Ende Januar 1933 verschleppten die SS und die SA Frauen in eigens dafür eingerichtete Abteilungen in Haftanstalten. Im Sommer 1933 wurde in Moringen das erste Frauenkonzentrationslager errichtet, wo bis 1938 ca. 1400 Frauen 2 inhaftiert waren. Das Lager war der Provinzialverwaltung Hannover unterstellt und damit dem direkten Einfluss der SS und SA entzogen. Diese Struktur änderte sich Ende 1937, als das Schloss Lichtenburg in Prettin an der Elbe, bis dahin Konzentrationslager für Männer, zum zentralen Frauenkonzentrationslager wurde, das nun auch direkt der Inspektion der Konzentrationslager und damit der SS unterstand. Die Unterstellung des Frauenkonzentrationslagers unter die zentrale SS-Behörde fand damit fast drei Jahre später statt, als das bei Konzentrationslagern für Männer der Fall war. Zu erklären ist dies zum Teil durch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Verfolgung, wie beispielsweise die später einsetzende Verfolgung weiblicher „Arbeitsscheuer“ 3. Bernhard Strebel weist auf eine weitere Erklärung hin: „Besonderes Gewicht kam Himmlers Streben nach bewaffneten SS-Einheiten zu, das heißt der Aufstockung der KZ-Wachmannschaften, der sogenannten SS-Totenkopfverbände. Frauenlager eigneten sich in dieser Hinsicht aufgrund des erheblichen Anteils an weiblichem Bewachungspersonal kaum als zugkräftiges Argument.“ 4 Sowohl in der Lichtenburg, als auch später in Ravensbrück, wurde die Bewachung der Häftlinge innerhalb des Lagers von Frauen übernommen. In der Ausübung dieser Aufgabe hatten sie große Handlungsspielräume und die Möglichkeit, eigenständig Entscheidungen mit erheblichen Auswirkungen auf den Alltag der Häftlinge zu treffen. Nichts desto trotz waren die Aufseherinnen keine SS-Mitglieder, sondern wurden als weibliche Hilfskräfte im 'Gefolge der SS' geführt. Die Aufseherinnen unterstanden einer Oberaufseherin, diese wiederum dem Schutzhaftlagerführer und dem Kommandanten des Lagers.

Die erste Phase - Aufbau

Vermutlich Ende des Jahres 1938 fiel die Entscheidung für die Errichtung eines Frauenkonzentrationslagers mit einer Kapazität von 3000 Häftlingen. Bereits im Januar 1939 wurde mit dem Aufbau des Konzentrationslagers Ravensbrück begonnen. Die Bauarbeiten wurden von Häftlingen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen und zahlreichen Firmen aus der Umgebung von Ravensbrück durchgeführt. Die ersten weiblichen Häftlinge erreichten das Lager im Mai 1939; es handelte sich um Frauen, die aus dem Frauenkonzentrationslager Lichtenburg verlegt wurden. Die erste erhaltene 'Stärkemeldung' des Lagers vom 21. Mai 1939 vermerkt 997 Häftlinge, darunter 388 Zeuginnen Jehovas, 240 'asoziale', 119 'kriminelle', sowie 114 'politische' Häftlinge von denen 30 zusätzlich als Jüdinnen gekennzeichnet waren. Ende Juni erreichte ein Transport mit 440 Sinti und Roma aus Österreich das Lager, so dass diese Häftlingsgruppe kurzzeitig die größte im Lager war. Die Häftlingszahlen stiegen in den folgenden Monaten rasch an: am 24. Juni 1940 wurden 3199, am 08. Januar 1942 bereits 6906 Häftlinge gezählt. In dieser ersten Phase des Lagers bis 1942 waren vor allem als 'asozial' stigmatisierte Frauen, religiöse sowie politische Gegnerinnen in Ravensbrück inhaftiert. Bis Ende 1939 stammten die meisten von ihnen aus Deutschland und Österreich, mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen wurden immer mehr polnische Frauen nach Ravensbrück deportiert. Ende 1940 machten polnische Frauen bereits ca. 25% aller Häftlinge aus. Mit der Ausdehnung des deutschen Machtbereichs im Krieg wurden Frauen aus immer mehr Nationen nach Ravensbrück verschleppt.

Die Häftlinge wurden von Beginn an zur Zwangsarbeit herangezogen, die anfangs jedoch noch nicht, wie in späteren Jahren, konsequent unter ökonomischen Gesichtspunkten organisiert war. Häufig hatte die Arbeit ausschließlich die Schikanierung und Ermüdung der Häftlinge zum Zweck, wovon die Erzählungen Überlebender von tagelangem, sinnlosem Hin- und Herschaufeln von Sandbergen zeugen. Neben diesem in den Augen der SS erzieherischen Charakter von Zwangsarbeit, stand in der ersten Zeit der Auf- und Ausbau des Lagers im Vordergrund. Entsprechend war ein größerer Teil der Häftlinge auf Baustellen vor Ort beschäftigt. Erst ab 1940 wurden Häftlinge in SS-eigenen Betrieben, wie der im Juni 1940 gegründeten Texled AG aber auch in Privatbetrieben in der unmittelbaren Umgebung, so z.B. dem Sägewerk Zimmermann in Fürstenberg oder auf Bauernhöfen zur Erntehilfe eingesetzt.

In dieser ersten Phase wurde Ravensbrück von Max Kögel 5 kommandiert. Ihm unterstanden 1942 92 SS-Führer und Unterführer sowie 235 Aufseherinnen, die ihren Dienst bis auf wenige Ausnahmen auf freiwillige Meldung hin angetreten hatten. 6

Die zweite Phase - Zwangsarbeit und Internationalisierung

Im April 1942 wurde im Wirtschaftsverwaltungshauptamt, dem zu diesem Zeitpunkt alle Konzentrationslager unterstanden, die Entscheidung getroffen, dass „[d]ie Verwahrung von Häftlingen nur aus Sicherheits-, erzieherischen oder vorbeugenden Gründen allein ... nicht mehr im Vordergrund [steht]. ... Die Mobilisierung aller Häftlingsarbeitskräfte zunächst für Kriegsaufgaben (Rüstungssteigerung) und später Friedensbauaufgaben schiebt sich immer mehr in den Vordergrund. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich notwendige Maßnahmen, welche eine allmähliche Überführung der Konzentrationslager aus ihrer früheren einseitigen politischen Form in eine den wirtschaftlichen Aufgaben entsprechende Organisation erfordern.“ 7 In Ravensbrück veränderte sich daraufhin, wie in vielen anderen Lagern, der Lageralltag. Die massive und möglichst effektive Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge in der Rüstungsproduktion rückte in den Mittelpunkt. Die Häftlinge wurden verstärkt in der SS-eigenen Rüstungsindustrie eingesetzt oder an private Betriebe verliehen. Beispielhaft hierfür seien hier die 'Luftmuna' (Luftmunitionsanstalt) in Fürstenberg sowie die ab März 1942 errichtete Produktionsstätte der Firma Siemens & Halske in unmittelbarer Nähe des Lagers genannt. Zusätzlich entstanden ab Ende 1942 zahlreiche Außenlager in unmittelbarer Nähe zu Rüstungsfabriken, so dass viele Häftlinge nach ihrer Ankunft in Ravensbrück nur kurze Zeit im Stammlager blieben und dann weiter in eines der Außenlager verbracht wurden.

Die Häftlingsgesellschaft wurde, bedingt durch die deutsche Expansions- und Verfolgungspolitik, immer internationaler und die Häftlingszahlen stiegen in den Jahren 1942 bis 44 rapide an. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion verschleppten SS-, Wehrmachts- und Polizeieinheiten Frauen aus Russland, der Ukraine und Weißrussland nach Ravensbrück. Ab August 1942 erreichten Transporte aus Belgien und Holland und im Verlauf des Jahres 1943 aus Frankreich das Lager, um nur einige Beispiele zu nennen. Im August 1943 befanden sich 14.100 weibliche Häftlinge in Ravensbrück, im Juni 1944 bereits ungefähr 30.000. Diese Entwicklung hatte eine massive Verschärfung der Lebensbedingungen zur Folge. „Während der ersten Monate konnte man in der dünnen Suppe noch Fettaugen entdecken (500g Kriegsmargarine pro Kessel mit ca. 50 Litern Inhalt)“ berichtet eine Französin über die Ernährung im Lager 1943. „Damals fanden wir darin auch noch von Zeit zu Zeit ein paar kleine Fleischstückchen oder Knochenteile ... . Aber bald wurde die Suppe immer durchsichtiger, bis sie schließlich nur noch aus wäßriger Flüssigkeit ohne Salz bestand.“ 8 Bereits ab Oktober 1941 waren die Baracken, in denen 'asoziale' und jüdische Häftlinge untergebracht waren, mit doppelt so vielen Häftlingen belegt, wie ursprünglich geplant. Dies traf in der Tendenz auch für andere Häftlingsgruppen zu. Im Sommer 1942 wurde das Häftlingslager um weitere Barackenreihen ergänzt, um der damals schon katastrophalen Überbelegung der Blöcke entgegenzuwirken und Platz zu schaffen für weitere Zwangsarbeiterinnen aus den besetzten Ländern. Die Ausbauarbeiten am Lager wurden zum Teil von männlichen Häftlingen durchgeführt, die in einem im April 1941 als Männerlager eingerichteten Teil von Ravensbrück untergebracht waren. Insgesamt verbesserte der Ausbau die Zustände im Lager aber nie wirklich. Im Gegenteil verschlechterten sich die sanitären und hygienischen Verhältnisse in den ersten Jahren kontinuierlich und ab 1943 rapide.

Ein für Ravensbrück in zweierlei Hinsicht relevantes Ereignis war das Attentat auf Reinhard Heydrich im Mai 1942. Tschechische Widerstandskämpfer hatten den 'Reichsprotektor von Böhmen und Mähren' durch eine Handgranate so schwer verletzt, dass er am 04. Juni 1942 an einer Blutvergiftung starb. Am 10. Juni wurde das tschechische Dorf Lidice als Vergeltungsmaßnahme von deutschen Polizeieinheiten vollständig zerstört, alle 199 Bewohner ermordet und die 184 Bewohnerinnen nach Ravensbrück deportiert. Eine weitere Folge des Attentats war eine Reihe von medizinischen Experimenten, die ab Juli 1942 maßgeblich von Prof. Dr. Karl Gebhardt 9 im Krankenrevier von Ravensbrück durchgeführt wurden. Ziel dieser an Häftlingen vorgenommen Infektions- und Transplantationsversuchen war es, die Verläufe von Wundinfektionen zu beobachten und die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit verschiedener Behandlungsmöglichkeiten zu erproben 10. Opfer der Versuche wurden zu einem großen Teil polnische Häftlinge, die mehrheitlich im September 1941 aus Lublin nach Ravensbrück verschleppt worden waren. Ein Teil der Frauen starb an den unmittelbaren Folgen der Operationen, die Überlebenden trugen furchtbare physische und psychische Schäden davon.

In den Jahren 1942 und 43 kam es zu Veränderungen der Bewachungs- und Personalstruktur: Koegel wurde im August 1942 als Kommandant in das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek versetzt und durch Fritz Suhren 11 ersetzt. Etwa zu dieser Zeit wurde Ravensbrück zum zentralen Ausbildungslager für Aufseherinnen, die nach absolviertem Lehrgang in anderen Frauenkonzentrationslagern, wie Auschwitz-Birkenau, Majdanek oder Bergen-Belsen eingesetzt wurden. Ab Anfang 1943 änderte sich die Rekrutierungspraxis für weibliches Bewachungspersonal, da wegen steigender Häftlingszahlen und dem Aufbau von Außenlagern erhöhter Bedarf an Aufseherinnen bestand. In der folgenden Zeit ging die SS dazu über, arbeitslose Frauen über die Arbeitsämter Dienst zu verpflichten und den Verleih von Zwangsarbeiterinnen an Firmen mit der Verpflichtung zur Bereitstellung von Frauen aus den Betrieben zur Aufseherinnenausbildung in Ravensbrück zu verbinden. An letzterer Vepflichtungspraxis wurde bis zur Auflösung des Lagers im April 1945 festgehalten.

Jüdinnen in Ravensbrück

Die Situation jüdischer Häftlingsfrauen in Ravensbrück unterschied sich an verschiedenen Stellen von der anderer Gefangenengruppen 12. Insgesamt waren bis Oktober 1942 mindestens 1000 Jüdinnen deutscher und österreichischer, sowie spätestens ab Anfang 1942 auch tschechischer, polnischer und niederländischer Herkunft inhaftiert. Vielen von ihnen wurden Vergehen gegen die zahllosen antisemitischen Gesetze, wie beispielsweise die 'Nürnberger Rassegesetzte' vorgeworfen.

Zwischen Anfang 1941 und April 1943 wurden im Rahmen der Aktion 14f13, die ein Teil der Euthanasie-Aktion T4 13 war, Häftlinge aus den Konzentrationslagern in Heil- und Pflegeanstalten mit Kohlenmonoxid ermordet. In Ravensbrück fanden Selektionen im Rahmen von 14f13 im November 1941 und Januar 1942 statt. Sie wurden von den SS-Ärzten Dr. Walter Sonntag 14 und Dr. Gerhard Schiedlausky 15 in Zusammenarbeit mit dem Euthanasie-Arzt Dr. Friedrich Mennecke 16 aus Berlin durchgeführt. Mennecke, der täglich Briefe an seine Frau schrieb, berichtete in einem dieser Briefe vom 06.01.1942: „Sonst ist zum heutigen Tage noch zu melden, daß ich 151 Akten fertig bekommen habe; mit den gestrigen also bis jetzt 181. Es sind sämtlich Arierinnen mit zahlreichen Vorstrafen. Nun folgen noch etwa 70 Arierinnen und 90 - 100 Jüdinnen. Ich hoffe diese alle morgen zu schaffen, sodaß ich am Do. u. Fr. sie schnell durchuntersuche, und schon am Sbd. mit den 300 Männern anfangen kann. Das ist dann der Schluß, so daß ich in dieser Periode insgesamt etwa 650 fertig schaffe.“ 17 Unter den von ihm und den Ärzten aus Ravensbrück selektierten ca. 1800 Frauen und Männern, die zwischen Februar und April 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg ermordet wurden, waren neben nicht mehr arbeitsfähigen Häftlingen vieler Nationalitäten und Häftlingsgruppen auch ca. 900 Jüdinnen und Juden. Bei ihnen spielte das Kriterium Arbeitsfähigkeit jedoch nicht die zentrale Rolle, vielmehr war es der rassistische Antisemitismus, der die Begründung für die Ermordung dieser Menschen lieferte. Peter Longerich spricht von einer „außerordentlichen Bedeutung [der Euthanasie] für die weitere Radikalisierung nationalsozialistischer Vernichtungspolitik 18 Weitergehend könnte man sagen, dass die Aktion 14f13 ein Teil des Massenmords an den europäischen Juden war, der zu einem relativ frühen Zeitpunkt - in etwa zeitgleich zur ersten großen Deportationswelle aus dem Reich nach Osten - mitten in Deutschland stattfand 19.

Ab Oktober 1942 wurden die jüdischen Häftlinge, die bis dahin noch am Leben waren, aufgrund eines Erlasses von Himmler 20 aus den Lagern des Reichsgebiets in die Vernichtungslager in Polen deportiert. Für die Häftlinge aus Ravensbrück bedeutete dies zumeist den Transport nach Auschwitz-Birkenau, wo viele entweder sofort ermordet wurden, oder innerhalb kurzer Zeit an den elenden Lebensbedingungen zugrunde gingen. Ab diesem Zeitpunkt waren kaum noch jüdische Gefangene in Ravensbrück. Erst mit der Deportation der ungarischen Jüdinnen 21 im Sommer 1944, der Evakuierung der Vernichtungslager Majdanek ab Anfang 1944 und Auschwitz-Birkenau ab Mitte 1944 wegen des Vorrückens der Roten Armee gelangten wieder jüdische Häftlinge nach Ravensbrück. Allein aus Auschwitz wurden insgesamt ca. 20.900 Frauen, darunter viele Jüdinnen, ins Lager gebracht.

Die dritte Phase - Aufbau Phase - Verelendung, Massenmord und Befreiung

Die dritte Phase der Geschichte des Frauenkonzentrationslagers von der Ankunft der ersten Räumungstransporte aus Auschwitz-Birkenau bis zur Befreiung von Ravensbrück im April 1945 war geprägt von Überfüllung der Unterkunftsbaracken, katastrophalen Lebensbedingungen, der systematischen Verelendung und dem Massensterben wegen Unterernährung und Kälte 22. Die Häftlingszahlen stiegen aufgrund unaufhörlicher Transporte, bis sie im Januar 1945 ein Maximum von 46.070 registrierten Häftlingen im gesamten Lagerkomplex Ravensbrück erreichte, wobei viele der Häftlinge nur kurze Zeit im Stammlager blieben und dann zur Zwangsarbeit in Außenlager weiter deportiert wurden. In den Baracken im Stammlager waren zum Teil drei- bis vier Mal soviel Häftlinge untergebracht, wie ursprünglich vorgesehen. Die Wasser- und Abwasserversorgung war diesen Menschenmassen nicht mehr gewachsen, was zu katastrophalen hygienischen Bedingungen führte und als die Kapazität der Baracken endgültig überschritten war, ließ die SS im Sommer 1944 an einer sumpfigen Stelle zwischen den Baracken ein Zelt aufstellen. Neu angekommenen Häftlinge hatten unter diesen Zuständen am meisten zu leiden. Strebel beschreibt die Verschiebungen innerhalb der Häftlingsgesellschaft wie folgt: „So hatten die Polinnen in Ravensbrück anfangs unter besonderen Gedenkort und Ausstellung am ehemaligen Standort des Zeltes.
©AKK 2005
Schikanen zu leiden. Ab 1942/43 wurden sie durch die nun hinzukommenden Häftlinge aus der Sowjetunion und Frankreich am unteren Ende der Hierarchie abgelöst. Deren Platz wiederum nahmen ab Mitte 1944 die aus Auschwitz und dem widerständischen Warschau nach Ravensbrück deportierten Häftlinge sowie die ungarischen und slowakischen Jüdinnen ein. Die sich parallel dazu kontinuierlich verschlechternden Existenzbedingungen infolge zunehmender Überfüllung schließlich führten dazu, daß die Überlebenschancen der Letztgenannten [...] deutlich geringer waren als die der zuvor nach Ravensbrück verschleppten Häftlinge.“
23 Im Lager entstanden Orte des massenhaften Sterbens und der gezielten Tötung, wie die Krankenrevierbaracken, wo Sterilisationen an Jüdinnen, Sinti und Roma durchgeführt wurden, oder das Zelt, in dem zeitweise über 4000 Häftlinge auf engstem Raum, ohne Decken auf dem nackten Erdboden zusammengepfercht waren. Im Januar 1945 wurde das 'Jugendschutzlager' Uckermark 24, das sich in unmittelbarer Nähe zu Ravensbrück befand, geräumt. Stattdessen wurde dort ein Selektions- und Tötungslager eingerichtet, in dem Häftlinge erfroren, verhungerten oder mit Giftinjektionen getötet wurden. Die Zahl der Todesfälle nahm ab Ende 1944 rapide zu – während im November 272 Frauen an Unterernährung und Krankheiten starben, waren es im Februar 1945 ca. 1500 Frauen. Im Winter 1944/45 wurde der Bereich in unmittelbarer Nähe des Krematoriums zum Ort der Vernichtung, wo SS-Männer hunderte Häftlinge erschossen. Im Januar 1945 wurde eine sich ebenfalls dort befindende Materialbaracke provisorisch zur Gaskammer umfunktioniert, in der eine heute nicht genau zu bestimmende, aber in die Tausende gehende Zahl von Häftlingen ermordet wurde, die zuvor in den Krankenrevieren oder dem Lager Uckermark selektiert worden waren. Zuständig für diese Morde war ein SS-Kommando unter der Führung von Otto Moll 25, der zuvor in Auschwitz für die Ermordung der ungarischen Juden verantwortlich gewesen war.

Ein weiteres prägendes Moment der letzten Monate war die Hoffnung auf eine baldige Befreiung. Im April 1945 evakuierte das Rote Kreuz nach Verhandlungen zwischen Himmler, dem Vertreter des Schwedischen Roten Kreuzes Graf Bernadotte sowie einem Vertreter des World Jewish Congress im Rahmen der 'Aktion Bernadotte' etwa 7500 Häftlinge unterschiedlichster Nationalität aus Ravensbrück über Dänemark nach Schweden 26. Unter ihnen waren auch zahlreiche Jüdinnen „unter der Bedingung, daß nichts von diesem Vorgang an die Öffentlichkeit gelangen und die Jüdinnen offiziell als Polinnen gelten sollten 27. Annette Eeckman, eine Überlebende aus Belgien beschreibt die Ambivalenz zwischen dem nahenden Kriegsende, der Hoffnung zu Überleben und der Angst vor der Ermordung in den letzten Tagen und Wochen des Lagers anhand einer Situation, als sie Frauen, die für die Befreiung durch das Rote Kreuz vorgesehen waren zum Appellplatz holen sollte: „Ich erinnere mich noch an das Gefühl, als ich an den Baracken entlanggegangen bin: Das ist das Ende! Lebend kommen wir hier nicht mehr raus. Trotzdem, wir haben dann mit der Angst gelebt, ob das wirklich das Rote Kreuz ist oder wieder ein Todestransport. 28

Diejenigen Häftlinge, die Ende April noch im Lager waren, wurden ab dem 24. April auf Todesmärsche Richtung Nordwesten getrieben. Hier verlieren sich die Spuren zahlloser Frauen. Über die Anzahl derjenigen, die diese Gewaltmärsche, schlecht gekleidet und unterernährt, nicht überlebten, oder die von begleitenden Wachmannschaften auf dem Weg erschossen wurden, lässt sich heute keine Angabe machen.

Die letzten SS-Männer und Aufseherinnen verließen das Lager am 29. April, nachdem sie die Wasser- und Stromversorgung unterbrochen hatten. Zurück blieben ungefähr zwei bis drei tausend kranke Häftlinge. Am 30. April erreichten erste Einheiten der Roten Armee Ravensbrück. Marie-Claude Vaillant-Couturier beschreibt diesen Tag: „30. April: Wie herrlich ist es morgens ohne Aufseherinnen, ohne Sirenengeheul und ohne Trillerpfeife aufzuwachen. Bevor er sich davonmachte, hat der Kommandant gesagt, daß ein großer tiefer Graben ausgehoben werden müsse, um die Toten zu beerdigen (weil nämlich das Krematorium nicht mehr funktioniert). Hinterher solle der Graben wieder ordentlich zugeschaufelt und ein Kreuz darauf gesetzt werden, damit es anständig aussieht wie er sich ausdrückte. Dergleichen aus seinem Munde zu hören, war fast zum Totlachen, wenn man bedenkt, daß acht Tage zuvor noch Frauen vergast worden sind. Mittags um halb zwölf sind die ersten russischen Vorposten eingetroffen. Als ich den ersten Rotarmisten auf seinem Fahrrad sah, schossen mir die Tränen in die Augen, aber diesmal waren es Tränen der Freude. Ich mußte an die Tränen der Wut denken, die ich im Juni 1940 auf der Place de l'Opéra beim Anblick des ersten deutschen Kradmelders vergossen habe. 29

Ravensbrück war das zentrale und neben dem Frauenlager im Komplex Auschwitz-Birkenau, das größte Frauenkonzentrationslager im System der nationalsozialistischen Lager. In den Jahren zwischen 1939 und 1945 waren hier ca. 123.000 Frauen und ca. 20.000 Männer vieler Nationen inhaftiert. Die Zahl der Ermordeten lässt sich nicht exakt rekonstruieren. Strebel geht in seiner Monografie von etwa 28.000 Toten im gesamten Lagerkomplex Ravensbrück aus.

Ebenso schwer rekonstruierbar ist die Anzahl der für das in Ravensbrück Geschehene Verantwortlichen. Am 15. Januar 1945 führte das Wirtschaftsverwaltungshauptamt 1008 SS-Männer und 546 Aufseherinnen für Ravensbrück und seine Außenlager auf. Die Gesamtanzahl der Aufseherinnen über den Zeitraum 1939 bis 45 liegt vermutlich bei rund 3500. Viele von ihnen waren nur für kurze Zeit zur Ausbildung in Ravensbrück und wurden dann in andere Lager versetzt. Konkrete Angaben zur Gesamtanzahl der männlichen SS-Wachmannschaften lassen sich mit dem heutigen Forschungsstand kaum machen. Sicher ist jedoch, dass nur ein kleiner Teil der Täter und Täterinnen je für ihre Taten belangt worden sind.

hl der männlichen SS-Wachmannschaften lassen sich mit dem heutigen Forschungsstand kaum machen. Sicher ist jedoch, dass nur ein kleiner Teil der Täter und Täterinnen je für ihre Taten belangt worden sind.


1 Eschebach
(2002), S.131.
2 Alle Angaben wie Belegungsstärken, Daten, etc. stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus: Strebel (2003).
3 Vgl. Strebel (2003), S.35 ff.
4 Strebel (2003), S.41.
5 Vgl. Strebel (2003), S.56f.
6 Vgl. Strebel (2003), S.50 ff. und Schäfer (2002). Zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht in Nachkriegsprozessen gegen ehemalige Aufseherinnen aus Ravensbrück vgl. Duesterberg (2002).
7 Oswald Pohl in einem Brief an Heinrich Himmler vom 30.04.1942. Sofsky (1999), S.355 f.
8 Strebel (2003), S.193.
9 Vgl. Strebel (2003), S.242 ff.
10 Vgl. Strebel (2003), S.256 ff.
11 Vgl. Strebel (2003), S.58 ff., Orth (2000), S.165 ff.
12 Vgl. Apel (2003).
13 Vgl. Lilienthal (2005).
14 Vgl. Schäfer (2002), S.144 ff.
15 Vgl. Schäfer (2002), S.141 ff.
16 Mennecke war ab 1939 auf Selektionsreisen, zuerst in psychiatrischen Einrichtungen und später u.a. in den Konzentrationslagern Buchenwald, Ravensbrück und Auschwitz. Er schrieb von seinen Dienstreisen Briefe an seine Frau, in denen er detailliert und extrem distanziert über seine Tätigkeit berichtet. Mennecke war in seiner Position als 'Gutachter' für den Tod von mindestens 2500 Menschen verantwortlich. Zu seiner Biografie vgl. Chroust (1987), S.3 ff.. Eine Auswahl seiner Briefe findet sich ebd. S.15ff..
17 Chroust (1987), S.288.
18 Longerich (1998), S.241.
19 Vgl. Hoffmann (2005).
20 Vgl. Haus der Wannsee-Konferenz (2006), S. 165.
21 Vgl. Longerich (1998), S.565 ff.. Ravensbrück spielte für diesen Teil der Vernichtungspolitik eine wichtige Rolle, da ein Teil der ungarischen Jüdinnen im Sommer 1944 direkt dorthin deportiert wurde.
22 Vgl. Erpel (2005).
23 Strebel (2003), S.183
24 Im Konzentrationslager Uckermark waren ab Juni 1942 ca. 1200 Mädchen und junge Frauen inhaftiert. Die meisten von ihnen wurden wegen des Vorwurfs 'Gemeinschaftsfremde' oder 'Asoziale' zu sein in das Lager eingewiesen. Vgl. Guse (ohne Datum) und Limbächer (2005).
25 Vgl. Schmid (2006).
26 Vgl.: Erpel (1995).
27 Philipp (1999), S.206.
28 Walz (2005), S.230.
29 Strebel (2003), S.502.
Eschebach
(2002), S.131.
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Alle Angaben wie Belegungsstärken, Daten, etc. stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus: Strebel (2003).
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Vgl. Strebel (2003), S.35 ff.
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Strebel (2003), S.41.
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Vgl. Strebel (2003), S.56f.
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Vgl. Strebel (2003), S.50 ff. und Schäfer (2002). Zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht in Nachkriegsprozessen gegen ehemalige Aufseherinnen aus Ravensbrück vgl. Duesterberg (2002).
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Oswald Pohl in einem Brief an Heinrich Himmler vom 30.04.1942. Sofsky (1999), S.355 f.
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Strebel (2003), S.193.
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Vgl. Strebel (2003), S.242 ff.
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Vgl. Strebel (2003), S.256 ff.
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Vgl. Strebel (2003), S.58 ff., Orth (2000), S.165 ff.
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Vgl. Apel (2003).
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Vgl. Lilienthal (2005).
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Vgl. Schäfer (2002), S.144 ff.
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Vgl. Schäfer (2002), S.141 ff.
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Mennecke war ab 1939 auf Selektionsreisen, zuerst in psychiatrischen Einrichtungen und später u.a. in den Konzentrationslagern Buchenwald, Ravensbrück und Auschwitz. Er schrieb von seinen Dienstreisen Briefe an seine Frau, in denen er detailliert und extrem distanziert über seine Tätigkeit berichtet. Mennecke war in seiner Position als 'Gutachter' für den Tod von mindestens 2500 Menschen verantwortlich. Zu seiner Biografie vgl. Chroust (1987), S.3 ff.. Eine Auswahl seiner Briefe findet sich ebd. S.15ff..
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Chroust (1987), S.288.
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Longerich (1998), S.241.
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Vgl. Hoffmann (2005).
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Vgl. Haus der Wannsee-Konferenz (2006), S. 165.
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Vgl. Longerich (1998), S.565 ff.. Ravensbrück spielte für diesen Teil der Vernichtungspolitik eine wichtige Rolle, da ein Teil der ungarischen Jüdinnen im Sommer 1944 direkt dorthin deportiert wurde.
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Vgl. Erpel (2005).
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Strebel (2003), S.183
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Im Konzentrationslager Uckermark waren ab Juni 1942 ca. 1200 Mädchen und junge Frauen inhaftiert. Die meisten von ihnen wurden wegen des Vorwurfs 'Gemeinschaftsfremde' oder 'Asoziale' zu sein in das Lager eingewiesen. Vgl. Guse (ohne Datum) und Limbächer (2005).
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Vgl. Schmid (2006).
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Vgl.: Erpel (1995).
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Philipp (1999), S.206.
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Walz (2005), S.230.
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Strebel (2003), S.502.
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