Arbeitskreis Konfrontationen

Helen Ernst

Am 10. März 1904 wird Helene Margarete Valeska in Athen als uneheliche Tochter von Otto Ernst (1862 – 1928), dem Sekretär des kaiserlichen Konsulats und seiner Haushälterin Bernardine Ebermann (1873 – 1939) geboren. Der kaisertreue Vater adoptiert die Tochter und verstößt aus Standesgründen die Mutter. Der heranwachsenden Helene wird die Existenz der Mutter verschwiegen.

Aufgrund der familiären Hintergründe wird der Vater zunächst nach Zürich, später nach Stuttgart strafversetzt, bis er 1919 zum Auswärtigen Amt nach Berlin berufen wird. Auf die gutbürgerliche Erziehung seiner Tochter Helene legt er großen Wert. In Zürich, Stuttgart und Berlin besucht Helene höhere Schulen und legt 1920 in Berlin das Abitur ab. Bis 1924 studiert sie an verschiedenen Berliner Kunstschulen, u.a. mit dem Schwerpunkt Modezeichnen und schließt ihre Ausbildung als Zeichenlehrerin ab.

Anschließend ist sie als Dozentin an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Berlin tätig, daneben arbeitet sie freiberuflich als Pressezeichnerin, Grafikerin sowie Kostüm- und Modeberaterin. Helen Ernst ist Teil des aufregenden Kulturlebens der „goldenen Zwanziger Jahre“ in der Hauptstadt. In dieser Zeit ändert sie ihren Namen in Helen um. 1929 heiratet sie den Bühnenbildner, Maler und Schriftsteller Wolf Hildebrandt. Die Ehe wird zwei Jahre später geschieden.

Unter dem Eindruck der Folgen der Weltwirtschaftskrise und der Begegnung mit ihrer als verschollen geglaubten Mutter im Jahre 1922, die als Fabrikarbeiterin in ärmlichen Verhältnissen in Braunschweig lebt, engagiert sie sich in der Arbeiterbewegung. 1931 tritt Helen Ernst auf eigenen Wunsch aus dem Schuldienst aus. Sie wird aktives Mitglied der KPD, arbeitet für die Internationale Rote Hilfe und ist als Pressezeichnerin für linke Zeitungen tätig. Die Künstlerin Käthe Kollwitz ist ihr künstlerisches Vorbild.

Als politische Gegnerin der Nationalsozialisten wird Helen Ernst nach der Machtübernahme 1933 im Berliner Frauengefängnis inhaftiert; ihr gesamter Besitz sowie ihre Zeichnungen werden beschlagnahmt oder zerstört. Nach ihrer Entlassung folgt im Sommer 1934 die Emigration in die Niederlande. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich dort als Lehrerin an der avantgardistischen Nieuwen Kunstschool in Amsterdam und als Illustratorin bedeutender literarischer Werke. Mit über 600 Zeichnungen und Literaturillustrationen für die Zeitschrift der niederländischen Freunde der Sowjetunion wendet sich Helen Ernst gegen das NS-Regime. Sie unternimmt mehrere illegale Reisen nach Deutschland und Paris, wo sie in Kontakt mit Widerstandsgruppen steht. 1939 stellt in ihrer letzten Ausstellung in Amsterdam unter anderem Porträts von schwarzen internationalen Freiheitskämpfern aus, woraufhin ihr wegen „Verstoß gegen die Belange des Deutschtums im Ausland" die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wird.

Nachdem die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 die Niederlande überfallen und besetzt hatte, wird Helen Ernst im Dezember desselben Jahres durch SS und Gestapo wegen „antideutscher Hetzpropaganda“ in Amsterdam verhaftet und nach Deutschland gebracht. Im April 1941 wird sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Im Frühjahr 1945 wird sie in das Außenlager Barth an der Ostsee überstellt, wo sie am 1. Mai durch die Rote Armee befreit wird.

Nach der Befreiung lässt sich Helen Ernst in Schwerin nieder, wo sie 1946 den Tischler Paul Beckmann heiratet. Arbeitsunfähig durch die Folgen der Haft und einen Unfall nimmt sie erst Mitte des Jahres ihre künstlerische Arbeit wieder auf und versucht ihre traumatische Lagererfahrung künstlerisch zu verarbeiten. Noch im selben Jahr tritt sie der SED bei.

Helen Ernst hatte sich im Lager offensichtlich so weit wie möglich von den anderen Häftlingsfrauen zurückgezogen, um unter den erniedrigenden Bedingungen überleben zu können. Auf Mitgefangene wirkte sie deshalb wohl verschlossen und hochmütig. Nach der Befreiung nehmen schwerste Anschuldigungen der ehemaligen Mithäftlinge kein Ende. Sie ist sogar dem Vorwurf ausgesetzt, Kameradinnen an die SS verraten zu haben. 1947 wird deshalb ein Verfahren wegen angeblicher Spitzeltätigkeit gegen sie eröffnet. Zudem wird ihr der OdF-Status (Opfer des Faschismus) aberkannt und ihre Rente gestrichen. Die Rehabilitierung erfolgt erst kurz vor ihrem Tod 1948, als sie von einem SED Landes-Parteischiedsgericht von allen Verdächtigungen freigesprochen wird.

Am 26. März stirbt Helen Ernst in Schwerin. Geschwächt von den Folgen der Lagerhaft erliegt sie der Tuberkulose. Sie ist in Groß Zicker auf der Insel Rügen begraben.