Arbeitskreis Konfrontationen

Über Kunst als Zeugnis

Die im Projekt Kunst als Zeugnis konzipierten Methodenmodule zeigen einen methodischen Ansatz auf, der Kunst zum Holocaust und anderen nationalsozialistischen Massenverbrechen in den Mittelpunkt stellt. Die Annäherung an die Geschehnisse der nationalsozialistischen Massenverbrechen von der Entrechtung, Verfolgung, Deportation, Internierung in den Lagern bis hin zur Vernichtung folgt der Prämisse; dass jene nur in ihrer Abstraktion nachvollziehbar und darstellbar sind. Kunst bietet eine Möglichkeit der Darstellung des eigentlich nicht darstellbaren Geschehenen durch gestalterische Ausdrucksformen wie Malerei, bildende Kunst und Architektur. Allerdings werfen diese künstlerischen Darstellungen der nationalsozialistischen Massenverbrechen – allen voran des Holocaust – immer die Frage nach ihrer Angemessenheit auf.

Seminarteilnehmer vor Skulpturengruppe von Waldemar Grzimek, Gedenkstätte Sachsenhausen.
©Foto AKK 2007

Kunstwerke sind ein Spiegelbild des Gesellschaftlichen in ihrer Zeit. Drücken sie zunächst die individuelle Wahrnehmung des Künstlers aus, so sind sie in unserem Kontext gleichermaßen Bestandteil von Erinnerungskultur und geschichtspolitischen Prozessen. Deutlich wird dies beispielsweise an den identitätsstiftenden Funktionen der Mahnmale in der ehemaligen DDR. Die gesellschaftliche Bedingtheit dieser Mahn- und Denkmale greift das Projekt Kunst als Zeugnis als ein Grundelement seiner pädagogischen Arbeit auf. Ziel ist, die Jugendlichen an einen kritischen und reflexiven Umgang mit den Manifestationen der Erinnerung an die nationalsozialistischen Massenverbrechen heranzuführen.

Kunst als Zeugnis ist aber vor allem eine Suche nach Spuren der Vergangenheit an den Orten des historischen Geschehens und an Orten öffentlichen Gedenkens. Die Zeichnungen der Häftlinge eröffnen Möglichkeiten subjektiver, Empathie ermöglichende Zugänge zur Geschichte, abseits der von Jugendlichen oft als moralisch überfrachtet wahrgenommenen Gestaltung des Schulunterrichts oder eines nur an Fakten orientierten Curriculums. Kunst als Zeugnis basiert demnach auf drei Schwerpunkten: erstens der Vermittlung von Wissen über die Ereignis- und die Rezeptionsgeschichte des Holocaust. Die ausgewählten Kunstwerke weisen auf die Geschichte der Verbrechen sowie des jeweiligen Ortes hin. Zweitens werden Emotionen im Prozess der Auseinandersetzung mit dem Holocaust aufgegriffen. Kunstwerke offerieren durch die ihnen eigene Sprache viele Möglichkeiten des Austauschs für die schulische und außerschulische Bildung. Drittens werden in dem Konzept Kunstwerke explizit als solche wahrgenommen. Beabsichtigt ist, den Blick zu schärfen für die ästhetischen Aspekte von Kunst in Gedenkstätten und an öffentlichen Orten. Die Kunstwerke werden in ihren (kunst)historischen Rahmen eingeordnet. Alle drei Schwerpunkte beziehen das Wissen der Jugendlichen von Anfang an ein.

Thomas Geve
Gefahren und Schrecken im KZ Auschwitz
Gedenkstätte Yad Vashem

Vier zum Teil ineinander übergreifende Phasen lassen sich in der Entwicklung von Kunst zu den nationalsozialistischen Massenverbrechen abgrenzen. Die ersten Kunstwerke entstanden bereits zum Zeitpunkt des Verbrechens, also durch die Verfolgten, die auf der Flucht, in den Ghettos oder in Konzentrations- und Vernichtungslagern waren. Vorgegeben war unter diesen extremen Existenzbedingungen die Beschränkung der Künstlerinnen und Künstler auf die Gattung Zeichnung und in wenigen Ausnahmen die Malerei. Die zweite Phase beginnt direkt nach der Befreiung der Lager, als vorwiegend Künstler, die die Konzentrationslager überlebt hatten, der präzedenzlosen Erfahrung Ausdruck verliehen. Die bisher entwickelten Module beziehen sich auch hier im Wesentlichen auf Skizzen und Zeichnungen, hinzu kommen Aquarelle und Gouachen.

Die Geschichte der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Massen- und Menschheitsverbrechen in der DDR und der Bundesrepublik, als Ausdruck der jeweiligen Gedenk- und Erinnerungskultur nehmen wir durch die Beschäftigung mit der Denkmalskunst in den Blick. Da das Projekt im letzten Jahr ausschließlich regional in Brandenburg, Thüringen und Berlin durchgeführt wurde, beziehen sich diese Module im Schwerpunkt auf die realsozialistische Denkmalskunst. Thematisiert werden darüber hinaus neue künstlerische Konzepte der Erinnerung, die in der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung entstanden sind, und ihren Ausdruck in den Counter Monuments von Horst Hoheisel, Jochen Gerz, Renata Stih und Frieder Schnock finden.

Die letzte Phase setzt nach 1989 mit der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Neugestaltung der ehemaligen Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR in den neuen Bundesländern ein. Auch hier steht die Denkmalkunst im Fokus, um eine Vergleichbarkeit der Erinnerungs- und Gedächtniskulturen herstellen zu können. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist hier das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, zu dem ein eigenständiges Modul entwickelt wurde, das die Gestaltung Peter Eisenmans zur Diskussion stellt und auf den Ort der Information eingeht.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin.
Eran Yardeni 2006

Die inhaltliche Ausgestaltung der Module orientiert sich am jeweiligen historischen Ort, also an den Gedenkstätten bzw. an Erinnerungsorten, wie dem Denkmal in Berlin. Die Kooperationen mit den Gedenkstätten ermöglichten Recherchen in den Archiven und Kunstdepots, ferner die Durchführung von Seminaren in der Erprobungsphase. Die Module sind beispielhaft für die genannten Orte konzipiert und inhaltlich durch die dort recherchierten Quellen an Bild- und Textmaterial gefüllt. Gleichwohl sind sie in den Grundzügen auf andere Gedenkstätten und Erinnerungsorte übertragbar, allerdings ist dann eine entsprechende Quellenrecherche vor Ort notwendig. Die Module wurden für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit entwickelt sowie für Lehrer- und Pädagogenfortbildungen. Einzelne Module, wie beispielsweise die Zeitleiste können auch im schulischen Kontext als Vorbereitung auf einen Gedenkstättenbesuch eingesetzt werden. Im Rahmen mehrtägiger Seminare zeigt die oben aufgeführte Aufstellung der Module einen aufeinander aufbauenden Ablauf auf. Kunst als Zeugnis versteht sich als eine Erweiterung des klassischen Schulunterrichts, in der Kenntnisse über die Geschichte des Nationalsozialismus, des Antisemitismus und die Geschichte der Erinnerungskultur vermittelt und vertieft werden.

Die Konzeption sämtlicher Methoden basiert auf dem pädagogischen Grundverständnis einer interaktiven und emanzipatorischen Bildungsarbeit. Die Wissensaneignung orientiert sich an der methodischen Herangehensweise des entdeckenden Lernens in Kleingruppenarbeit. Bei der Präsentation steht der diskursive Austausch des Erlernten im Vordergrund. In den Modulen werden vielseitige und unterschiedliche pädagogische Ansätze einbezogen; so fließen Elemente aus der Theaterpädagogik, der Medienpädagogik und der Kunstpädagogik ein.