Arbeitskreis Konfrontationen

Modul zur pädagogischen Arbeit
am Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Das Stelenfeld

Die Architektur Peter Eisenmans fordert eine individuelle, emotionale Auseinandersetzung mit dem Massen- und Menschheitsverbrechen, dem Holocaust, heraus. Der unvorstellbare Massenmord, der sich anhand der Zahlen allein nicht begreifen lässt, wird auf die Ebene des individuellen Erlebens transponiert. Die Abstände zwischen den Stelen lassen den Durchgang von nur einer Person zu. Die Besucher sind im Stelenfeld auf sich gestellt. Kein vorgezeichneter Rundgang, der leitet, sondern ganz im Gegenteil legt es das Raster der Stelen auf affektive Erfahrungen, wie Desorientierung, Alleinsein, ja Verlorenheit, an. Mit diesen Empfindungen stellen sich auch mehr oder weniger bewusste Bilder und Vorstellungen ein, die symbolhaft für das Massenverbrechen stehen. Die affektive Erfahrung wird also ganz im Sinne Peter Eisenmans mit den schon vorhandenen Bildern über den Holocaust kontrastiert. „Verstehen Sie, in unseren Köpfen schwirren lauter Fotos und Filme über den Holocaust herum. Das Mahnmal versucht, die Macht dieser Medienbilder zu brechen. Es versucht, die Hegemonie des Visuellen zu überwinden, es setzt auf primäre körperliche Erfahrung, auf Affekte.“ 1. Ziel des Moduls ist, die emotionale Erfahrung zu thematisieren und als Form des Gedenkens zu diskutieren, um sich anschließend der kognitiven Beschäftigung mit den Themen der Ausstellung am Ort der Information zu wenden zu können.

Die Ausstellung am Ort der Information

Die Diskussion um ein adäquates Gedenken an die ermordeten Juden Europas und die Würdigung der Opfer bestimmte über lange Zeit die Frage, ob ein Denkmal oder ein Holocaust-Museum diese Aufgabe angemessen erfüllen würde. Der Bundestagsbeschluss im Juni 1999 setzte den Debatten in Form eines Kompromisses ein Ende. Der Denkmalsentwurf von Peter Eisenman sei durch „den Ort der Information über die zu ehrenden Opfer und die authentischen Stätten des Gedenkens“ 2 zu ergänzen, so der Beschluss. Gemäß des Bundestagsbeschlusses wurden die methodischen Rahmenvorgaben für die Ausstellung entwickelt, die auf die „Personalisierung und Individualisierung des mit dem Holocaust verbundenen Schreckens“ 3 ausgerichtet sind.

Ebenso wurden die inhaltlichen Grundlagen der historischen Konzeption erstens durch die Darstellung des Mordes an den europäischen Juden Europas bestimmt, ferner durch die Information über die Gedenkstätten an den historischen Orten. Zeitlich bewegt sich die Ausstellung mit der Dokumentation des Holocausts anhand persönlicher Schicksale in der Vergangenheit und endet mit der Präsentation von Gedenkstätten in ganz Europa als Ausdruck der jeweiligen Erinnerungskultur in der Gegenwart.

Die methodischen wie inhaltlichen Eckpfeiler bestimmen die Präsentation am Ort der Information, die sich die Teilnehmer in Kleingruppen erschließen. Die Ausstellung dokumentiert das bis dato im Stelenfeld diffus gebliebene Massenverbrechen. Der Gesamtverlauf der nationalsozialistischen Politik der Vernichtung, die Dimension des Verbrechens und im Zentrum die Namen, die Gesichter, die persönlichen Schicksale der Ermordeten werden in Foyer 1 und 2 und den vier Themenräumen vorgestellt. Pädagogisch steht hier im Mittelpunkt, die Aneignung von Wissen über den Holocaust und das Gedenken an die Ermordeten zu unterstützen.

Methodisch baut das Modul auf einem aktiven Zugang zur Ausstellung auf. Das heißt für den Ausstellungsbesuch wurden Arbeitsaufgaben zusammengestellt, die eine Auseinandersetzung mit den Ausstellungsinhalten fördern. Die Teilnehmer erarbeiten sich die Ausstellung anhand der Arbeitsblätter in Kleingruppen, ihre Berichte werden anschließend im gemeinsamen Abschlussplenum vorgestellt und diskutiert. Durch die Aufgabenstellung der Arbeitsblätter wird die Darstellung des Mordgeschehens aus der individuellen Perspektive der Verfolgten und Ermordeten, die von der Ausstellung vorgegeben ist, aufgegriffen und unterstützt. Aus pädagogischer Sicht ermöglicht der biographische Zugang die Annäherung an ein individuelles Gedenken. Im Bezug auf das historische Verstehen bricht das Bild des passiven namenlosen Opfers auf.

Ebenso bilden die beiden Zeitebenen der Ausstellung einen wesentlichen Aspekt der Konzeption des Moduls. Beginnend mit der individuellen Erfahrungen im Stelenfeld wie der Auseinandersetzung um eine gegenwärtige Gedenk- und Erinnerungskultur wendet sich das Gespräch über den Ort der Information der Vergangenheit, dem Mordgeschehen, zu. In einer abschließenden Runde werden die individuellen Veränderungen der Bilder über den Holocaust, die nach dem Ausstellungsbesuchs entstanden sind, zusammengetragen. Die Nachbereitung endet somit in der subjektiven Gegenwart.

Ablauf

Die „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ bietet zwei Modelle zur Begleitung von Gruppen durch qualifizierte Referenten an. Das erste Modell umfasst eine Einführung zur Entstehungsgeschichte und Architektur des Denkmals sowie zur Ausstellung am Ort der Information. Im zweiten Modell stehen die Referenten nach den Einführungen und dem Besuch des Stelenfelds wie der Ausstellung für ein Nachbereitungsgespräch zur Verfügung. Für die Durchführung dieses Moduls empfiehlt es sich, eine Führung nach Modell eins mit der Gruppe durchzuführen. Im Vorfeld wird die Gruppe in Kleingruppen aufgeteilt, die jeweils ein Arbeitsblatt zum Stelenfeld und eines zum Ort der Information erhalten. Die Kleingruppen sollten vier Teilnehmer nicht überschreiten, da die Gruppe ansonsten nicht gemeinsam durch die Ausstellung gehen kann. Die Kleingruppen führen ihre Arbeitsaufträge während des Denkmalsbesuchs durch. Die Auswertung der Arbeitsblätter und die Diskussion findet dann im Anschluss an den Denkmalbesuch in eigenen Räumlichkeiten statt.

In der Diskussionsrunde stellen die Kleingruppen zunächst ihre Erfahrungen im Stelenfeld (Arbeitsblatt zum Stelenfeld) vor. Der Teamer/Lehrer notiert auf Flipchart im Zentrum den Begriff „Stelenfeld“ und ordnet auf Zuruf kreisförmig die Begriffe an, mit denen die Teilnehmer beschreiben, was sie beim Gang durch das Stelenfeld empfunden haben. Ein zweiter Kreis entsteht in derselben Weise zur zweiten Frage nach den Bildern, die mit dem Holocaust in Verbindung gebracht werden.

Anschließend stellt der Teamer/Lehrer die unten aufgeführten Zitate des Architekten Peter Eisenman vor. Die Gruppe diskutiert seine Statements und vergleicht sie mit ihren Eindrücken und Bildern, die auf Flipchart festgehalten sind. Fragen können hier sein: Wie beurteilt ihr/Sie die Absicht des Architekten, die Besucher zu verunsichern? In wie weit stimmt Eisenmans Absicht mit euren/Ihren Empfindungen überein? Habt ihr/haben Sie andere Besucher beobachtet? Wie haben Sie sich verhalten?

Zitate Peter Eisenman

„Ich wollte den Holocaust nicht darstellen oder veranschaulichen, sondern eine Erfahrung erzeugen, die verunsichernd wirkt. Die Besucher sollen sich fragen: Was ist das hier? Was bedeutet das? Wo befinde ich mich eigentlich? Genau dieses Gefühl will ich erzeugen, diese Verlorenheit, diese Orientierungslosigkeit, diese vergebliche Suche nach dem klaren Sinn. Die kognitive Erfahrung tritt hinter die affektive Erfahrung zurück..“
Peter Eisenman im Interview in der Zeit, 05/2001


„Ausmaß und Maßstab des Holocaust machen jeden Versuch, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren, unweigerlich zu einem aussichtslosen Unterfangen. […] An den Holocaust kann nicht mit sentimentaler Nostalgie erinnert werden, denn der Holocaust hat die Nostalgie für immer von der Erinnerung getrennt. Das Gedenken an den Holocaust kann heute nur ein lebendiger Zustand sein, in welchem die Vergangenheit aktiv in der Gegenwart bleibt.“
Peter Eisenman in: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Tätigkeitsbericht 2000―2002, S.26f


„Verstehen Sie, in unseren Köpfen schwirren lauter Fotos und Filme über den Holocaust herum. Das Mahnmal versucht, die Macht dieser Medienbilder zu brechen. Es versucht, die Hegemonie des Visuellen zu überwinden, es setzt auf primäre körperliche Erfahrung, auf Affekte.“
Peter Eisenman in einem Interview in der Zeit, 51/2004


Die zusammengetragenen Informationen des zweiten Arbeitsblatts zur Ausstellung am Ort der Information werden auf einem neuen Blatt des Flipcharts untereinander entlang der Fragen notiert. Die ereignisgeschichtlichen Informationen stehen jeweils in einer Sparte, in einer weiteren Sparte rechts daneben trägt der Teamer/Lehrer die persönlichen Beweggründe der Teilnehmer ein, die in den Fragen auftauchen (beispielsweise warum sie das Textdokument oder die Familie ausgewählt haben). Abschließend werden die beiden Flipchartbögen miteinander verglichen. Die Eindrücke vor und nach dem Ausstellungsbesuch und das Wissen über den Holocaust stehen sich jetzt gegenüber. Die Frage nach den emotionalen Eindrücken im Stelenfeld wird mit der Sparte zu den persönlichen Statements in der Ausstellung in Verbindung gestellt. Ebenso werden die Bilder der Teilnehmer über den Holocaust vor dem Ausstellungsbesuch mit den ereignisgeschichtlichen Informationen verglichen, die sie aus der Ausstellung mitgebracht haben. Es steht die Frage im Raum, was sich für die Jugendlichen durch den Denkmalbesuch verändert hat? Haben sich die Bilder über die Massenvernichtung, den Holocaust verändert? Wurde neues Wissen, neue Erkenntnisse vermittelt? Wie beurteilen die Teilnehmer den Gedenkort nach ihrem Besuch? Wird mit diesem Denkmal würdig der Verfolgten und Ermordeten gedacht?

Material

 
Zeit:
Denkmalbesuch 1 Std. 30 Min.
Die Führung nach Modell 1 kostet €45,-, ermäßigt €35,-
Teilnehmerzahl maximal 25 Personen

Anmeldung beim Besucherservice:
Tel.: 030 / 26 39 43 36
Montags bis Donnerstag 10.00 bis 16.00 Uhr, Freitag 10.00 - 13.00 Uhr

Weitere Informationen unter: www.stiftung-denkmal.de
Diskussion 45 Min.

Alter:
ab 16 Jahren
pdf - Version

1 Peter Eisenman in einem Interview in der Zeit, 51/2004
2 Stiftung Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Tätigkeitsbericht 2000―2002, S.19
3 Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Tätigkeitsbericht 2000―2002, S.19
Peter Eisenman in einem Interview in der Zeit, 51/2004
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Stiftung Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Tätigkeitsbericht 2000―2002, S.19
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