Arbeitskreis Konfrontationen

Künstlerisch-literarische Führung
über das Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück

Dieses Modul ist als Einstieg konzipiert, der die Teilnehmer in die historische Ereignisgeschichte des Konzentrationslagers einführt und mit dem Gelände der Gedenkstätte vertraut macht. Methodisch handelt es sich hier insofern um eine Neuentwicklung, da sich die interaktive Führung auf bildliche und literarische Zeugnisse der Häftlingsfrauen stützt. Das charakteristische Prinzip der Personalisierung der Verfolgten nimmt also bereits in der ersten Begegnung mit der Gedenkstätte einen zentralen Stellenwert und Ansatzpunkt ein.

Ausschlaggebend für die inhaltliche Konzeption der Führung war zudem die langjährige Erfahrung der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte Ravensbrück mit den Reaktionen der Besucher. In den gängigen Vorstellungen steht Konzentrationslager als Inbegriff für den Mord an vorwiegend jüdischen Häftlingen durch Vergasung. Gerade bei Schulklassen entbehrt dieses klischeehafte Bild nicht das bekannte Phänomen einer gewissen Faszination für Gewalt und Grauen. Auch die Praxisphase im Rahmen des Projekts Kunst als Zeugnis hat diese Erfahrung bestätigt. Die Führung geht daher gezielt auf die Differenzierung zwischen einem Vernichtungs- und Konzentrationslager ein und stellt die Zusammensetzung der Häftlingsgesellschaft heraus, aufgeschlüsselt nach nationaler Herkunft, den nationalsozialistischen Verfolgungs- und Haftgründen und der Stellung der Häftlingsgruppen innerhalb der rassistischen Hierarchisierung der SS. Deutlich wird dadurch, dass Jüdinnen abgesehen von der letzten Phase in der Minderheit waren, dass sie mit Roma- und Sintifrauen an unterster Stelle standen und in den katastrophalen Lagerbedingungen verschärften Bedingungen ausgesetzt waren.

Mit der ersten Annäherung an die Ereignisgeschichte werden zunächst die spezifischen Bedingungen des ersten und einzigen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück im nationalsozialistischen Terrorsystem heraus gestellt und die verschiedenen Phasen der Lagergeschichte thematisiert. Ebenso einbezogen ist die Organisationsstruktur von Tätern und Täterinnen, also der Lager-SS und der Aufseherinnen, ihre soziale Herkunft, ihre Funktionen und ihr Verhalten. Der regionale gesellschaftliche Kontext wird am Beispiel alltäglicher Bezüge der Bevölkerung Fürstenbergs zum Frauenkonzentrationslager exemplarisch aufgezeigt.

Der Schwerpunkt der Führung konzentriert sich allerdings auf das Lagergeschehen aus der Perspektive der Häflingsfrauen anhand von Zeichnungen und Gedichten, die an ausgewählten Orten mit entsprechend inhaltlichem Bezug vorgestellt bzw. verlesen werden. Die Lebensgeschichten der Autorinnen und Künstlerinnen werden in dieser ersten Konfrontation mit diesen Zeugnissen nur kurz, anhand biographischer Eckdaten angerissen. Die drei ausgewählten Gedichte gehen auf die alltägliche Tortour des Appellstehens ein, auf die verheerenden Arbeitsbedingungen am Beispiel einer Nachtschicht im Industriehof und auf eine kaum wahrgenommene Häftlingsgruppe, nämlich die Bibelforscherinnen. Die Auswahl spielt auch auf die unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen der Frauen an; ein gänzlich anderer, ja leiser Zugang, das Ausmaß nationalsozialistischer Expansions- und Besatzungspolitik zu vermitteln. Autorinnen sind die deutsche Sozialdemokratin Maria Günzel, die Tschechin Anicka Kvapilová und die Polin Halina Golczowa. Im Ansatz zeigt sich die existentielle Bedeutung von Sprache im Lageralltag: die lebensbedrohliche Gefahr Aufseherinnen und SS-Angehörige nicht zu verstehen und die Verständigungsschwierigkeiten unter den Frauen. Die Auswahl der Zeichnungen stellt bereits mit ihrer Einführung unterschiedliche Gattungen vor: die mit dünnen Farben gezeichnete detailreiche Karikatur der Russin Nina Jirsikova, die gestochen scharfe schwarz-weiß Skizze von Violette Leqoc und die kindlich-idyllische, gänzlich dem Lager abgewandte Seelandschaft Astrid Blumensaadts. Die Zeichnungen ergänzen den authentischen Ort um einen historischen Szenenhaften Ausschnitt. Rückschlüsse auf die Motivation und Intention der Frauen, unter elenden Existenzbedingungen heimlich, schöpferisch zu arbeiten, in der Gewissheit um brutale Repression, wenn sie oder ihre Werke entdeckt werden, klingen hier nur an. Die Zeichnungen werden durch die Referenten zurückhaltend präsentiert, also mit nur spärlichen Ergänzungen zur Entstehungsgeschichte der Bilder, insofern sie bekannt ist und zu den Biographien der Künstlerinnen. Mit dem Herumreichen der Zeichnung entsteht viel mehr ein Moment des Einlassens auf die abgebildete Situation. In der Praxissituation löst der Referent die kontemplative Stimmung mit der Frage nach Eindrücken und Assoziationen behutsam auf. Die emotionale Wirkung der Zeichnungen und Gedichte auf die Teilnehmer in dieser ersten Begegnung mit dem authentischen Ort, sollte nicht unterschätzt werden. All zu leicht kann die Konfrontation mit den wirkungsmächtigen Text- und Bild-Zeugnisse, den schützenden Rückzug in eine abwehrende Haltung oder eine Überidentifikation mit den inhaftierten Frauen bewirken. Abhängig von den Reaktionen der Teilnehmer und der Dynamik in der Gruppe wird der Referent die Präsentation dieser Quellen reduzieren; allein ein Gedicht und eine Zeichnung können in dieser Einführung ausreichend sein. Die Führung endet am Denkmal „Die Tragende“ von Will Lammert und somit in der Geschichte der Gedenk- und Erinnerungskultur, wodurch eine Brücke in die Gegenwart hergestellt, jedoch nicht vertieft wird.

Stationen der Führung

Modell des Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
Themen:
Entstehungsgeschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück
Haus des Lagerkommandanten
Themen:
Täter und Täterinnen
Ehem. Kommandanturgebäude
Themen:
Organisationsstruktur des Lagers, Funktionshäftlinge
Tor / Fundament des ehem. Häftlingsbads
Themen:
Ankunft der Häftlinge
Zeichnungen:
„Welcome“ und „Deux heures après“ von Violette Lecoq
Appellplatz
Themen:
Lageralltag
Gedicht:
„Der Tag“ von Anicka Kvapilová
Zeichnung:
„Les pires parmi les pires: Les N.N. ...“ von Violette Lecoq
Lagerstraße
Themen:
Internationalität, Vielsprachigkeit und Hierarchie der Häftlingsgesellschaft
Zeichnungen:
„Lagerstraße“ von Nina Jirsikova
Industriehof
Themen:
Zwangsarbeit
Gedicht:
„Industriehof“ von Halina Golczowa
Zeichnungen:
zweimal ohne Titel aus dem Leporello von Astrid Petersen Blumensaad, zu sehen ist jeweils eine Frau bei der Arbeit (vermutlich im 'Siemenslager')
Der Bunker
Themen:
Strafen und Widerstehen
Gedicht:
„Die Bibelforscher“ von Maria Günzel
Krematorium
Themen:
Massenmord im Frühjahr 1945, Fürstenberg und das Konzentrationslager
Ravensbrück, Zuschauerschaft
Zeichnung:
Landschaftszeichnung mit Schwedtsee aus dem Leporello von Astrid Petersen
Blumensaad
Die Tragende
Themen:
Geschichte der (nationalen) Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Material bzw. Quellen

Gedichte:
„Der Tag“ von Anicka Kvapilová (1944, Tschechisch) in: Jaiser, Constanze: Europa im Kampf. Berlin 2005, S.51

„Industriehof“, Halina Golczowa in: Lagergemeinschaft Ravensbrück: Mit den Augen der Überlebenden. Stuttgart 2002, S.34

„Die Bibelforscher“ von Maria Günzel in: Schulz, Christa: Der Wind weht weinend über die Ebene. Ravensbrücker Gedichte. Fürstenberg 1991, S.13

Zeichnungen:
Viollette Lecoq: „Les pires parmi les pires: Les N.N. ...“, „Welcome“ und „Deux Heures après“ und

Nina Jirsikova: „Lagerstraße“ von (Depot Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück)

Astrid Blumensaadt, diverse ohne Titel aus dem Leporello zum Siemenslager (Depot Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück)
 
Zeit:
ca. 2 Stunden

Alter:
ab 15 Jahre
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