Arbeitskreis Konfrontationen

Gedenken heute – Erinnerungsmoment für die Jüdinnen in Ravensbrück

In der Gedenkstätte Ravensbrück war die Erinnerung an die jüdischen Häftlingsfrauen lange Zeit ausgeblendet. Dem Gedenken an sie fehlte jegliche, zeitliche und örtliche Manifestation. Die offizielle Geschichtsschreibung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätten in der DDR subsumierte die Häftlingsgruppen unter ihre Nationalität. Entsprechend tauchten Jüdinnen und Juden als eigene Verfolgtengruppe nicht auf 1.

Die Einführung eines Erinnerungsmoments eröffnet in der pädagogischen Praxis eine Möglichkeit, der in Ravensbrück immer noch vorhandenen Ungleichgewichtigkeit im Gedenken an die verschiedenen Verfolgten – und Opfergruppen zu begegnen. In der pädagogischen Arbeit finden sich häufig zwei Sichtweisen der jugendlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die nationalsozialistischen Lager. Die Erste besteht darin, Konzentrationslager mit Vernichtungslagern in eins zu setzen. Die zweite Sicht, die in der Regel mit der ersten korrespondiert, ist, dass in den Konzentrationslagern überwiegend oder ausschließlich Juden inhaftiert waren. Unzweifelhaft steht die Vernichtung der europäischen Juden, als Ausdruck für die nationalsozialistischen Massenverbrechen, was wir gewohnt sind mit dem Begriff Holocaust zu umschreiben. Gerade in den Konzentrationslagern im damaligen deutschen Reich bildeten Juden und Jüdinnen allerdings in der Regel nur einen kleinen Teil der Inhaftierten, da die Mehrzahl von ihnen in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. Dennoch waren Konzentrationslager wie Ravensbrück eng in den Vernichtungsprozess eingebunden und dienten zugleich der Verfolgung, Ausplünderung und Ermordung all derjenigen, die nicht in das Bild der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft passten oder sich widerständisch verhielten. Diese komplexe Realität der Konzentrationslager an Teilnehmer zu vermitteln, ist ein zentraler inhaltlicher Ansatz des Projekts „Kunst als Zeugnis“.

Gleichzeitig stellt die Einführung eines Erinnerungsmoments einen Augenblick des Eingedenkens zum Abschluss eines Seminars oder einer Führung dar. Daraus leitet sich aus unserer Sicht ab, dass die Teilnahme daran für die Jugendlichen freiwillig sein sollte. Eine durch Pädagogen aufoktroyierte Erinnerung würde eine Abwehrhaltung hervorrufen und die Teilnehmenden an den häufig oberflächlichen und rituellen Charakter staatsoffizieller Veranstaltung erinnern.

Ablauf

In den von uns durchgeführten Seminaren in Ravensbrück haben wir als Ort für den Erinnerungsmoment die Statue „Die Tragende“ gewählt, da sie auch als Symbol für die Repression gegen die jüdischen Häftlingsfrauen gelesen werden kann 2. An diesem Platz, am Fuße des Denkmals, verlas eine Teilnehmerin das Gedicht „Ghetto – Frühling im Ghetto“. Vor der Verlesung wurde den Teilnehmenden durch das pädagogische Team die unten stehende Geschichte des Gedichts erläutert. In einer Gruppe mit polnischsprachigen Teilnehmern bietet es sich an, das Gedicht in Polnisch und Deutsch vorzutragen. Bei der polnischen Fassung ist zu beachten, dass durch die Überlieferung über eine tschechische Gefangene einige sprachliche Fehler vorhanden sind. In jedem Fall scheint es ratsam, wenn der vorlesenden Person vorher eine Möglichkeit gegeben wird, sich mit dem Text vertraut zu machen.

Die Überlieferung des Gedichtes

„Das Gedicht stammt von einer Polin, die die Nationalsozialisten aus einem Ghetto nach Auschwitz deportierten und dort in der Gaskammer ermordeten. Möglicherweise handelt es sich um das Warschauer Ghetto, aus dem die deutsche Besatzung im April/Mai 1943 die Menschen in die Vernichtungslager deportierte. Die Zahl der über die Jahre im Warschauer Ghetto Internierten beläuft sich auf fast eine halbe Million Menschen. Überlebt haben nur wenige tausend.

Vlasta Kladinová wurde das Gedicht von Halina Lepińska, die sie von ihrer Haftzeit in Auschwitz her kannte und zufällig in Ravensbrück wieder traf, übermittelt. Der Zettel, auf dem dieses Gedicht notiert war, sei von einem jungen Mädchen, das in der Effektenkammer arbeitete, in einem Mantel gefunden worden. Dieses letzte Vermächtnis einer Person, die die Nationalsozialisten in den Gaskammern ermordeten, sei ihr, so Vlasta Kladinová, noch in Auschwitz, eine Woche vor ihrem Abtransport nach Ravensbrück, vorgetragen worden und habe sie tief erschüttert.“ 3

Ghetto – Frühling im Ghetto 4
1943, Anonym, Polnisch

Man sagt, der Frühling sei gekommen. Der Regen rauscht in einem Gewitter, dann hüpfen die Vögel herum. Durch dicke Mauern aber Und Galgenstricke Sehe ich dich nicht, du Frühling. Obwohl du doch nah bist. Du nimmst uns den Ekel immerhin, machst keine Unterschiede wohin du blickst. Hinter den Ghettogittern Machst du die Latten gelb. In den Mauern werden Die stinkenden Höfe noch dunkler. Und doch spielen hier Kinder, Kinder im Ghetto. Ihnen schickst du deine Sonne. Krank sehen sie aus, blutleer, elend. In ihren Gesichtern leuchten Traurig schwarze Augen. Das Grab des Vaters ist noch nicht mit Grab bewachsen. Die Schwester schreibt schreckliche Briefe aus dem Lager. Der Bruder, der den Zettel bekam, hat sich noch nicht gemeldet. Die Mutter hat Fieber und Schüttelfrost von der Arbeit. Zu Hause fehlen Brot und Kartoffeln. Aber man muß doch essen, jeden Tag etwas essen. An der Front fallen junge Soldaten, Wie es heißt für Führer und Vaterland. Und hier Trauer, Galgen, Leichen, O Gott, wenn es dich gibt – SOS.

Material

Gedicht:
„Ghetto – Frühling im Ghetto“
Quelle:
Constanze Jaiser, Jacob David Pampuch (Hrsg.): Europa im Kampf 1939-1944.
Internationale Poesie aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Berlin, 2005.
 
Zeit:
15 Minuten

Alter:
ab 16 Jahre
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1 Vgl. die Kapitel: Die Gedenkstätte im Wandel der Zeit und Erinnerungskulturen in dieser Veröffentlichung
2 Vgl. Kapitel: Die Skulptur „Tragende“
3 Ebda. S. 44 f.
4 Jaiser (2005), S. 43 ff.
Vgl. die Kapitel: Die Gedenkstätte im Wandel der Zeit und Erinnerungskulturen in dieser Veröffentlichung
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Vgl. Kapitel: Die Skulptur „Tragende“
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Ebda. S. 44 f.
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Jaiser (2005), S. 43 ff.
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