Arbeitskreis Konfrontationen

Schichten der Gedenkstätte
Ein Modul in vier Einheiten

Die staatlichen Gedenkstätten zu den nationalsozialistischen Massenverbrechen erinnern am historischen Ort an die Extreme totalitärer Verfolgungs- und Mordpolitik des nazistischen Regimes und gedenken den Verfolgten und Ermordeten. Der Ort des beispiellosen Geschehens ist mahnender Anknüpfungspunkt, da hier die begangenen Verbrechen gewissermaßen topographisch zementiert sind. Doch die baulichen Veränderungen und Umgestaltungen der authentischen Orte setzten direkt nach der Befreiung ein. Überwiegend übernahmen die Alliierten die ehemaligen Konzentrationslager und nutzten sie wie die Briten in Neuengamme und die Amerikaner in Dachau als Internierungslager für NS-Verbrecher. Ebenso wurde Buchenwald und Sachsenhausen der sowjetischen Militäradministration übergeben, die hier zwei von insgesamt zehn sowjetischen Speziallagern zur Internierung von Deutschen einrichteten. Das engere Lagergelände von Ravensbrück wurde von der sowjetischen Armee übernommen, die es bis zum Abzug der letzten Truppen 1993 als Kaserne nutzte.

Die Gestaltung der Lager als Gedenkstätten setzte in der Bundesrepublik im Vergleich mit dem sozialistischen deutschen Nachfolgestaat spät ein. In der DDR wurden im Jahre 1959 drei „Nationale Mahn- und Gedenkstätten“ nach einheitlichen Richtlinien eingeweiht: Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück. In der Bundesrepublik setzte erst Mitte der 60er Jahre ein offizielles und öffentlich erkennbares Interesse ein, die auf westdeutschem Boden existierenden Lager, als Gedenkorte zu etablieren. So wurde in Neuengamme beispielweise im Jahre 1965 ein internationales Mahnmahl am Rande des Geländes aufgestellt, das dann erst 1981 durch ein Ausstellungsgebäude ergänzt wurde. Im Jahre 2003 wurde dann am tatsächlich authentischen Ort des ehemaligen Häftlingslagers ein Ausstellungs- und Studienzentrum eingerichtet.

Mit dem politischen Umbruch 1989 setzte ein Prozess grundlegender Umgestaltung und Neuorientierung an den Gedenkstätten der jetzt ehemaligen DDR ein. Die Loslösung des Gedenkens von einer vormals weitgehend staatlich gelenktem Erinnerungskultur stand hier im Mittelpunkt. Heftige Debatten entzündeten sich zudem an der Frage, welchen Raum und Stellenwert die Erinnerung an die oppositioneller Stalinismuskritiker, die – neben prominenten und wenig prominenten Nationalsozialisten - ebenfalls in den sowjetischen Speziallager interniert waren, am originären Ort der NS-Verbrechen einnehmen sollte. Die Neugestaltung der großen ostdeutschen Gedenkstätten ist weitgehend realisiert worden, ebenso wurden in den alten Bundesländern gerade in den letzten Jahren die Neukonzeption historisch-dokumentarischer Ausstellungen zur Geschichte der Lager (Dachau 2003, Neuengamme 2005) präsentiert. Heute symbolisieren die Gedenkstätten also auch die Geschichte einer mittlerweile fast 50jährigen Gedenk- und Erinnerungskultur, die ihre unverrückbaren Spuren hinterlassen hat.

In jeder dieser Phasen bildet Kunst einen wesentlichen Bestandteil der Gestaltung, entweder als eine Form das Ausmaß des nationalsozialistischen Unterdrückungsterrors zu fassen oder als künstlerische Manifestation der Erinnerung. Der authentische Ort ist heute wie Volkhard Knigge formuliert also Tatort, Leidensort, Friedhof, Gedenkstätte, Museum 1 zugleich. Diese sukzessive Überformung des authentischen Orts anhand der Kunstwerke in historischer Abfolge zu thematisieren, die Schichten ausgehend von der Ereignisgeschichte des Konzentrationslagers über die Phasen der Erinnerung vor und nach 1989 kenntlich zu machen, ist Ziel des hier vorgestellten Moduls, das beispielhaft an der Gedenkstätte Ravensbrück vorgestellt wird.

Die Gedenkstätte Ravensbrück ist von vielfältigen künstlerischen Werken durchzogen. Jede Ausstellung arbeitet mit Zeichnungen der Häftlingsfrauen, die in der Lagerzeit oder kurz nach der Befreiung entstanden sind. Zahlreiche Statuen und Denkmäler zeigen jenseits von Mahnung und Gedenken auch den jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Kontext der Erinnerungskultur zu Zeiten der DDR und nach 1989 auf, eben diese Entwicklung wird zudem in der Ausstellung „Sprache des Gedenkens“ dokumentiert. Biographiearbeit sowie medienpädagogische Arbeiten auf dem Lagergelände unterstützen das gemeinsame Erstellen einer Lagerkarte, die das Überlagern von Ereignis und Erinnerung dokumentiert.

Das Modul umfasst vier Einheiten, die im besten Fall in einem zweitägigen Seminar aufeinander aufbauend durchgeführt werden. Die zweite Einheit mit dem Titel „Orte stehen für Erfahrungen – zur Topographie des Lagers“ und ebenso die dritte „Wer erinnert an wen? – Gedenk- und Erinnerungskultur im politischen Wandel“ können jedoch problemlos einzeln eingesetzt werden.

  1. Kunst – eine Begriffsanalyse
  2. Orte stehen für Erfahrungen – die Topographie des Lagers
  3. Wer erinnert an wen? – Gedenk- und Erinnerungskultur im politischen Wandel
  4. Ein Lagerplan - Präsentation und Diskussion
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1 Tatort, Leidensort, Friedhof, Gedenkstätte, Museum. Notizen für eine KZ-Gedenkstättenarbeit in der Zukunft; in: Erinnern in Gedenkstätten. Beiträge zum Thema anlässlich der Tagung der Zeitzeug/innen 1997. Wien (BMUK) 1997, S.55.
Tatort, Leidensort, Friedhof, Gedenkstätte, Museum. Notizen für eine KZ-Gedenkstättenarbeit in der Zukunft; in: Erinnern in Gedenkstätten. Beiträge zum Thema anlässlich der Tagung der Zeitzeug/innen 1997. Wien (BMUK) 1997, S.55.
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