Arbeitskreis Konfrontationen

Zeichnen im Rückblick
Zeichnungen und Künstlerinnenbiographien
von Edith Kiss und Helen Ernst

Das Modul Zeichnen im Rückblick vertieft anhand der Werke von zwei Künstlerinnen und ehemaligen Ravensbrückerinnen die Perspektive der Häftlingsfrauen auf den Lageralltag und stellt ihre Biographien vor. Ausgewählt wurden die deutsche Künstlerin Helen Ernst und die Ungarin Edith Kiss. Beide Künstlerinnen haben sich nach der Befreiung in ihrer Kunst intensiv mit der Lagerzeit beschäftigt. Helen Ernst, die als politischer Häftling in Ravensbrück interniert war, formuliert 1947 in ihrem Brief an den Maler und Graphiker Hans Grundig den tief sitzenden inneren Drang, das Erlebte bildlich auszudrücken: „.....was ich jetzt arbeite, werden immer wieder Dokumentarzeichnungen aus dem KZ. Ich muß es heraustun,........dies Erlebnis, das Sehen dieser Menschen und dieser Umgebung ist so einschneidend, hat mich so dicht an den seelischen Abgrund gebracht, daß ich es erst einmal bildlich loswerden muß.“ Für Edith Kiss, die noch im Jahr 1945, nach ihrer Rückkehr nach Budapest in einem Zyklus von 30 Gouachen Szenen aus Ravensbrück festhielt, steht die Malerei gar als die einzig mögliche Ausdrucksform. Sie konnte nicht sprechen; weder über ihre Lagerhaft, noch über die Zwangsarbeit oder den Todesmarsch. Beide Frauen stehen mit ihren Bildern für den Versuch, sich durch den künstlerischen Schaffensprozess vom Trauma der Haft zu befreien. Beiden gelingt dieser erhoffte Prozess der Erleichterung nicht. Helen Ernst stirbt wenige Monate nachdem sie den Brief an den Kollegen und Freund geschrieben hatte im März 1948 geschwächt an den Folgen der Konzentrationslagerhaft. Edith Kiss, die im Jahre 1948 von Ungarn in den Westen übersiedelte, nahm sich 1966 in Paris das Leben.

Ähnlich, ja deckungsgleich ist die Intention der beiden Frauen zu malen, gänzlich unterschiedlich ist ihr Stil und der Gegenstand ihrer Bilder. Helen Ernst konzentriert sich in den dunkel gehaltenen Tuschepinselzeichnungen, die durch ein pastellartiges blau ergänzt sind, ausschließlich auf die Körperhaltung der Häftlingsfrauen, die zumeist vornehmlich dargestellt in Zweier- und Dreiergruppen ohne jegliche Einbettung in einen Umgebungszusammenhang förmlich im Nichts stehen, von Leere umgeben sind. Da ist der gebrochene Ausdruck in der gemeinsamen Trauer um eine tote Kameradin. Oder die zwei aufrecht stehenden jungen Häftlingsfrauen, die trotz ängstlichem Blick eine gewisse Stärke und Hoffnung vermitteln. Die wüst im Kampf verstrickten, zerrenden und tretenden Häftlingsfrauen, die jeden Solidaritätspathos vergessen lassen. Und die Einsamkeit der Frau, die im Schrei einzubrechen droht, die Arme mit weit geöffneten Händen nach oben gerissen, wo nichts ist, was sie hält; „in memorian Lidice“ hat Helen Ernst diesen Ausdruck tiefster Verzweiflung genannt.

Die in eigenwilligen pastellartigen Farben gehaltenen Gouachen von Edith Kiss hingegen stellen Szenen des Lageralltags dar. Ihr Blick richtet sich auf die Häftlingsfrauen im konkreten Zusammenhang mit dem äußeren Geschehen. Sie hält Momentaufnahmen fest, die endlos wirken und von Bild zu Bild einen katastrophalen Ablauf beschreiben, der ebenso endlos scheint. Von der Ankunft in den überfüllten Waggons, wo die Frauen bis unter die Decke gedrängt entkräftet stehen, sitzen oder in den Armen einer anderen hängen. Über die Tortur des täglichen Appellstehens wieder in der Masse der sich kaum aufrecht haltenden Frauen. Weiter über die Zweierszene der schamlos lachenden Aufseherin, die auf die geduckte Häftlingsfrau einschlägt. Und wieder weiter zur elenden Schwerstarbeit zweier Gehetzter, die einen Kohlewagen schieben, im Hintergrund eine überdimensionierte Industrieanlage. Bis hin zu einer erneuten Paarszene nach der Befreiung, wo nichts anderes als Ermattung übrig bleibt.

Die Bilder der beiden Künstlerinnen eröffnen in ihrer Gegensätzlichkeit zwei Ebenen der Annäherung an den Lageralltag der Häftlingsfrauen. Mit den Zeichnungen von Helen Ernst kann über den dramatischen psychischen und physischen Zustand der Frauen gesprochen werden, was Einfühlungsvermögen voraussetzt, ohne sich im Pathos zu verlieren. Die Bilder von Edith Kiss ermöglichen darüber hinaus die Lagerverhältnisse zu thematisieren, wie beispielweise die Ankunftssituation, das Verhalten der Aufseherinnen und die Zwangsarbeit.

Der zweite Schwerpunkt des Moduls beschäftigt sich mit den Biographien der beiden Künstlerinnen, die bewusst ihr Leben vor der Inhaftierung und nach der Befreiung miteinbeziehen und sie nicht auf die Verfolgungs- und Haftzeit reduzieren. Die Gesamtbiographien stellen die Persönlichkeiten der Frauen, ihren beruflichen und künstlerischen Werdegang heraus. Und sie verdeutlichen wie die nationalsozialistische Verfolgung und Haft einen unwiderruflichen Bruch im Leben der politisch und sozial engagierten Graphikerin und Künstlerin Helen Ernst und der erfolgreichen Malerin Edith Kiss in Ungarn markiert, der für beide Frauen nicht zu überwinden war.

Ablauf

Je acht Bilder der beiden Künstlerinnen sind in Postkartengröße in jeweils einer kleinen Mappe publiziert. Die Biographien der Künstlerinnen sind im Anhang zu diesem Modul zu finden. Die Gruppe wird in Kleingruppen aufgeteilt, die sich in ungestörte Ecken oder Räume zurückziehen. In diesem Modul ist keine Präsentation in großer Runde vorgesehen, d.h. die Kleingruppenarbeit bleibt in diesem Fall unter sich. Die Kleingruppen sollten eine Anzahl von sechs Teilnehmer nicht überschreiten. Jede Kleingruppe erhält eine Bildermappe von Edith Kiss und Helen Ernst. Alle 16 Bilder werden ausgebreitet und betrachtet, jeder der Teilnehmer sucht sich ein Bild aus. Die Kleingruppe wird noch einmal in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils die Biographie einer Künstlerin erhalten. Beide Gruppen zeihen sich zurück, um die Biographien zu studieren. In der wieder zusammengeführten Kleingruppenrunde stellen sich die beiden Untergruppen gegenseitig die Lebensgeschichten der Künstlerinnen vor. Anschließend präsentieren die Teilnehmer einzeln ihr ausgewähltes Bild, beschreiben und interpretieren es und nennen ihre persönlichen Gründe, warum sie es ausgewählt haben. Die anderen Teilnehmer können im Anschluss ebenso das vorgestellte Bild kommentieren. Die Methode eignet sich besonders als Ergänzung zur künstlerisch-literarischen Führung, da insbesondere durch die Bilder von Edith Kiss Bezüge hergestellt werden können.

Material

Die Dr. Hildegard Hansche-Stiftung hat Zeichnungen der Künstlerinnen und ehemaligen Ravensbrückerinnen Aat Breur, Helen Ernst, Eliane Jeannin-Garreau und Edith Kiss im Postkartenformat publiziert. Jede der Mappen enthält acht Zeichnungen. Die Mappen sind käuflich in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zu erwerben oder können gegen einen Unkostenbeitrag von 3,00€ bei der Dr. Hildegard Hansche Stiftung bestellt werden. Die Kartenmappen können im Internet unter der Adresse http://www.hansche-stiftung.de/postkartenmappe.htm eingesehen werden.

Dr. Hildegard Hansche Stiftung c/o Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück Straße der Nationen 16798 Fürstenberg Telefon: 030 / 55 49 11 14 (Frau Spieler) E-Mail: info@hansche-stiftung.de
 
Zeit:
45 Minuten

Alter:
ab 16 Jahre
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