Arbeitskreis Konfrontationen

Zeitleisten – Geschichte im Kontext

Häufig genug stellen Pädagogen und Pädagoginnen in Gedenkstätten fest, dass das Wissen von Jugendlichen über die Geschichte des Nationalsozialismus nicht sehr umfangreich ist. Viele Schulklassen besuchen Gedenkstätten, bevor das Thema Nationalsozialismus im Unterricht behandelt worden ist. In der Konsequenz besteht die Gefahr, dass die jugendlichen Gedenkstättenbesucher die vermittelte Geschichte des authentischen Ortes ohne ein Verständnis für den gesamtgeschichtlichen Kontext einer zwölfjährigen politischen Entwicklung und Dynamik des Nationalsozialismus wahrnehmen und der Gedenkstättenbesuch als alleinstehendes Ereignis, losgelöst von politischen Entscheidungen und Entwicklungen erinnert wird. In der Konzeption von Ganztagsseminaren bzw. mehrtägigen Gedenkstättenbesuchen ist dieses Modul daher explizit darauf ausgerichtet, die Ereignisse in den Konzentrationslagern mit der Radikalisierungsentwicklung der nationalsozialistischen Verfolgung bis hin zum Massenmord in Verbindung zu setzen. Dazu werden mit den Teilnehmern zwei Zeitleisten angelegt. Die erste Umfangreichere stellt eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse zwischen 1933 und 1945 dar; der Schwerpunkt liegt hier auf der Verfolgungs- Terror- und Mordpolitik der Nationalsozialisten und dem Kriegsverlauf. Darunter liegend wird eine zweite Zeitleiste des jeweiligen Lagers angelegt, um die Verbindungen herauszuarbeiten.

Die zwölf Jahre nationalsozialistischer Judenverfolgung werden in drei Phasen unterteilt. Die erste Phase erstreckt sich von 1933 bis zum Kriegsbeginn 1939. Thematisiert werden die Ausschaltung politischer Oppositioneller, die Ausgrenzung und Entrechtung von Jüdinnen und Juden in Deutschland sowie der Beginn der Expansionspolitik mit der Besetzung der Tschechoslowakei und dem 'Anschluss' Österreichs 1938. Die zweite Phase von 1939 bis 1941 beschreibt die Radikalisierung von der Entrechtung zur Verfolgung und Vertreibung, den Kriegsbeginn und die so genannte Blitzkriegphase. Den Beginn der dritten Phase markiert der Überfall auf die Sowjetunion und die Entscheidung zur 'Endlösung' im Herbst 1941. Prägend für diese Phase steht der Beginn der systematischen Massenvernichtung in den Vernichtungslagern im Osten und die radikale Umsetzung der antijüdischen Mordpolitik in den besetzen Ländern Europas.

Diese Ereignisse und politischen Entscheidungen wirkten sich auch auf das Leben der Häftlinge in den Konzentrationslagern im 'Altreich' aus. Sei es die im Verlauf des Krieges zunehmende Internationalisierung der Häftlingsgesellschaften oder die Deportation von Jüdinnen und Juden aus den 'reichsdeutschen' Konzentrationslagern in die Vernichtungslager ab dem Frühjahr 1942. Diese Verbindungen zwischen den Lagergeschehnissen und der Radikalisierung nationalsozialistischer Politik werden anhand dieser Methode plastisch verdeutlicht.

Dazu wird zum einen mit historischen Daten gearbeitet, die chronologisch auf eine möglichst große Papierbahn geschrieben und durch Bildmaterial ergänzt werden. Die Bildauswahl enthält sowohl bekannte Fotos, die Teil des kollektiven Bildgedächtnisses zum Holocaust sind, als auch unbekanntere, z.B. von Häftlingen in den Lagern angefertigte Zeichnungen. Ziel der Auseinandersetzung mit den Bildern ist es, die Teilnehmenden für einen quellenkritischen Umgang mit Bildern zu sensibilisieren. Durch die Zusammenstellung der Photos und Häftlingszeichnungen wird die Perspektiven des Fotografen bzw. Zeichners heraus gearbeitet, seine Absichten und die Rahmenbedingungen für die Entstehung des Bildes, die massiven Einfluss darauf hatten, was auf dem Bild zu sehen ist. Das Hinterfragen von Bildern auf ihre Perspektive und ihren Sinn hin, ist ein zentraler Ansatz dieses Moduls.

In der Praxisphase stellte sich heraus, dass die Methode auf Grund der komplexen zeitgeschichtlichen Entwicklungen die Teamer zu einer frontalen Einweg-Vermittlung verführt. Dennoch ist auch hier interaktives Arbeiten in Kleingruppen möglich, das die vorhandenen Kenntnisse der Jugendlichen mit einbezieht. Die Gruppe erarbeitet sich gemeinsam das Ergebnis, also die Zeitleiste mit Unterstützung der Teamer. Die nachfolgende Beschreibung des Ablaufs zeigt Methoden auf, die das Interesse und die Auseinandersetzung mit dem Material befördert.

Ablauf

Für das Erstellen der Zeitleiste zum Nationalsozialismus werden abhängig von der Altersstufe und vom Wissenstand der Gruppe zwei Methoden vorgestellt. Die erste, die vor allem für Gruppen mit umfangreichem Vorwissen geeignet ist, versucht eben dieses Wissen der Einzelnen für die Gesamtgruppe zu bündeln. Die Gruppe wird dazu in Kleingruppen aufgeteilt, die jeweils in einer Art Brainstorming eine Zeitleiste von 1933-1945 anhand ihres Wissensstandes zusammenstellen und für sich notieren. Die Zeitleiste wird dann in der Gesamtgruppe auf Zuruf der Kleingruppen und mit Unterstützung der Teamer sukzessive entwickelt und auf eine große Papierbahn aufgezeichnet. Die Teamer stellen abschließend die Zeitleiste noch einmal zusammenhängend vor und ergänzen wenn nötig fehlende Daten und Ereignisse. Die Fotos werden abschließend an die Kleingruppen verteilt, damit die Teilnehmenden sie auf der Zeitleiste zuordnen können. Dabei nehmen sie eine Analyse des Bildes bzw. der Zeichnung vor, indem sie versuchen zu entschlüsseln, wer das Foto/die Zeichnung aufgenommen oder gezeichnet hat, wann es entstanden ist, wer und was darauf zu sehen ist bzw. was verschleiert werden könnte und was mit dem Foto/der Zeichnung möglicherweise bezweckt wurde. So werden die Bilder und Zeichnungen nach und nach aufgeklebt und diskutiert. Allzu deutlich werden dabei die unterschiedlichen Perspektiven auf die jeweiligen Ereignisse.

Eine Gruppe mit geringen Vorkenntnissen greift auf die von uns vorbereiteten Karten zurück. Auch hier werden die Teilnehmenden in Kleingruppen eingeteilt. Jede Gruppe bekommt in etwa gleich viele Karten eines Zeitabschnitts, wobei die Abschnitte 'Datum' und 'Ereignis' getrennt sind. Aufgabe der Kleingruppen ist es nun, die Ereignisse in eine ihnen sinnvoll erscheinende Reihenfolge zu bringen und den Daten zuzuordnen. Anschließend wird die Reihenfolge begründet und den anderen Kleingruppen erklärt. So wird die Zeitleiste Stück für Stück zusammen gestellt. Mit dem Bildmaterial kann im Wesentlichen verfahren werden wie oben beschrieben. Wichtig ist, die Menge des Materials der Ausdauer und Konzentrationsspanne der Gruppe anzupassen.

Die unter der Zeitleiste zum Nationalsozialismus liegende Chronologie des jeweiligen Konzentrationslagers wird sich kaum gemeinsam mit den Teilnehmenden entwickeln lassen, da ihnen detailliertes Wissen über diese Geschichte fehlt. Dennoch ergeben sich auch hier interaktive Momente, da die Jugendlichen ihr Wissen aus den Führungen einbringen können. Es bietet sich an, dass die Teamer hier die Vorarbeit leisten und die wichtigsten Daten notieren. Dafür liegen für die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück von uns vorbereitete Kartensätze vor.

Zusammen mit den Teilnehmenden werden abschließend die Verbindungslinien zwischen den beiden Zeitleisten gezogen. Herausgearbeitet werden die bereits oben skizzierten Zusammenhänge, d.h. die direkten Auswirkungen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Mordpolitik und des Kriegsverlaufs auf die Entwicklungen im Konzentrationslager sowie die Auswirkungen für die Häftlinge. Die Zeitleisten bleiben während des gesamten Seminars hängen, so dass die Teamer und die Jugendlichen immer wieder zeitliche Einordnungen vornehmen können. Die Zeitleiste zum Konzentrationslager wird im weiteren Verlauf des Seminars mit Biografien, Bildern, Fotos und historischen Daten ergänzt, auf die die Teilnehmenden in ihrer Beschäftigung mit der Geschichte des Ortes stoßen. Die Praxisphase hat gezeigt, dass der Zeitumfang dieses Moduls und die damit verbundenen Anforderungen an die Teilnehmenden nicht zu unterschätzen ist.

Material

Kartenzeitleisten zum Nationalsozialismus sowie dem jeweiligen Konzentrationslager:

Fotos und Bildmaterial zum Nationalsozialismus sind zu finden unter http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/index.html,
zum Zweiten Weltkrieg unter
http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/index.html.

 
Zeit:
mindestens zwei Stunden plus Pausen

Alter:
ab 16 Jahre. Vorwissen zum Nationalsozialismus ist Voraussetzung.
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